Burg Wildenstein

Heinrich Güntner

Burg Wildenstein

Nur wenige Minuten entfernt, im Norden des Dorfes Leibertingen, liegt am Steilabfall zur Donau eine der besterhaltenen mittelalterlichen Befestigungsanlagen, die Burg Wildenstein. Als Ziel für Spaziergänger und Wanderer, vor allem natürlich für Jugendherbergsgäste und Landschulheimaufenthalte, ist diese herrliche Burganlage aus unserer Gemeinde und Region nicht wegzudenken.

Die Tatsache, daß die Burg für sehr vieles den Namen hergibt, mag bezeugen,wie sehr sie im Bewußtsein der Bevölkerung verankert ist. Seit zig Jahren besteht der "Wildensteiner Singkreis", mittlerweile in vier Altersstufen. Eine jährlich sich treffende "Gemeinde", die bei ihrem Aufenthalt auf der Burg Gesang und Musik pflegt, Kontakte auffrischt und geistige Gedanken, die durch die religiöse Begleitung des Klosters Beuron entwickelt werden, ins Land hinausträgt. Seit ebenfalls langen Jahren führt eine Studentenverbindung den Namen Wildenstein und zahlreiche kleine Gruppen, die in jährlichen Abständen ihre Freizeit auf der Burg verbringen, nennen sich selbst gern "Wildensteiner".

Das jüngste Beispiel ist wohl die neueste Fasnetfigur des Dorfes Leibertingen, der "Wilde Stuiner". Einen jungen und kleinen Kunstkreis, "Kunstfreunde Wildenstein", gibt es in unserer Region, der manche Ausstellung und besondere Aktivität zeigt, nicht zuletzt die Vergabe eines "Kunstpreises Wildenstein". Der jährlich am 3. Sonntag im September stattfindende "Wildensteiner Jahrmarkt", der zahlreiche Besucher in unsere Gemeinde führt und bei dieser Gelegenheit auch manchen Besucher auf den Wildenstein bringt, soll hier abschließend erwähnt sein. Sicher ist diese Nennung nicht vollständig. Sie zeigt aber die Bedeutung von Burg und Namen für die hiesigen Einwohner ebenso, wie für die willkommenen und zahlreichen Besucher unserer schönen Gegend.

Eine erste urkundliche Erwähnung der Burg findet sich in einem Jahrbuch des Klosters Beuron von 1077. Diese Nennung wird heute angezweifelt, insbesondere für die heutige Burg Wildenstein, sie mag jedoch für frühere Anlagen durchaus gerechtfertigt erscheinen. Die jetzige Burg stammt in ihrem Ursprung mit Sicherheit aus dem 13. Jahrhundert. Das Geschlecht der Herren von Wildenstein ist in einer Salemer Urkunde 1168 bis 1174 nachgewiesen. Ältere Burgen in unmittelbarer Umgebung, die möglicherweise auch gleichzeitig genutzt und bewohnt wurden, sind Altwildenstein, der sogenannte Hexenturm und der Hahnenkamm.

Auf Grund von Keramikfunden ist nachgewiesen, daß noch im 13. Jahrhundert in der Nähe des heutigen Gasthauses "Burg" im Dorf Leibertingen eine Ortsburg sich befand, die vermutlich aus dem 11. Jahrhundert stammte und Vorgängerburg der alten Anlagen um Burg Wildenstein war. Zwischen Alpenvorland und Neckarraum taucht der Name Wildenstein öfter auf. Um unsere Burg Wildenstein bildete sich zeitweise eine kleine "Herrschaft Wildenstein" mit Leibertingen, Lengenfeld und Kreenheinstetten als Anhängsel zur Herrschaft Gutenberg, beziehungsweise zur Herrschaft Meßkirch. Die Zeit der sogenannten "Höhenburgen" ist damit zu begründen, daß aus strategischen und wehrgeschichtlichen Gründen, aber auch weil sich das Rittertum vom Bauernstand trennen wollte, dieses den engen Dorfraum verläßt und sich auf Bergnasen, Felsvorsprüngen und sonst zur Verteidigung geeigneten Hochflächen ihre Burgen erbaut. Wie auch in unserem Fall sind es häufig Burgsysteme, die teils aufeinander zu, oder auch teils gegeneinander gerichtet sich in unmittelbarer Nachbarschaft befinden.

Zur Burg Wildenstein gehört noch Jahrhunderte hindurch neben dem grundherrlichen Hof der Kirchensatz mit dem Wittum, dem Pfründgut, zu Leibertingen eben ein solcher Bifang, und die Ortsherrschaft, die mit einem solchen Hof mit Zwing und Bann verbunden war, "hört", wie die Quellen sagen, "in die Burg Wildenstein". Nach dem Aussterben der Herren von Wildenstein treten die Herren von Justingen als Eigentümer auf den Plan. Bereits 1317 ist die letzte Erwähnung der Herren von Justingen-Wildenstein zu verzeichnen. Zur Ausstattung von Brüdern des Burgbesitzers, die in den geistlichen Stand traten, wurden Teile der Herrschaft, u.a. Güter in Leibertingen, an das Kloster Beuron verkauft.

In dieser Zeit machen sich erste Spekulationen mit Burgteilen, gemeinsamem Eigentum, Verpfändungen und Lehensgeschäfte bemerkbar. Im Jahr 1275 taucht in der Beschreibung aus Anlaß eines Prozesses auf, daß die Vorburg stadtähnlichen Charakter gehabt habe, jedenfalls standen demnach auf dem Vorplatz Häuser und die dort angesiedelten Burgleute hatten Beuron den Zehnten zu geben. Hier erinnern wir uns auch an den Bericht der Zimmerschen Chronik des 16. Jahrhunderts, wonach Gottfried Wilhelm von Zimmern der Bauherr, Leimsieder und Eigenbrödler anstelle der nächst geplanten Neustadtanlage die Burgvorbauten errichtet habe. Aus Anlaß eines Pfandgeschäftes im Jahr 1416 finden wir die Bezeichnung "Wiese genannt die Stadt" in der Beschreibung einer Burghälfte des Hans von Zimmern mit einbezogen.

Nun sind wir unversehens bei den Herren von Zimmern gelandet, die, von Zimmern ob Rottweil in unsere Gegend kommend, ihren Sitz in Meßkirch nahmen. Der Vollständigkeit halber ist zu vermerken, daß Marie Antoinette, die Herren von Ramsberg, Wihelm Schenk von Staufenberg sowie Ruprecht von der Pfalz als Eigentümer oder Miteigentümer in der Chronik genannt sind, bevor Johann von Zimmern eine Hälfte der Burg als Mannlehen erhielt. Mit den Herren von Zimmern taucht das Geschlecht auf der Burg Wildenstein auf, das ihr das heutige Gepräge gegeben hat. Insbesondere ist hier Gottfried Werner von Zimmern zu nennen,  der in der Zeit von 1520 bis 1550 die Burg zur Festung ausbauen ließ.

In dieser Zeit hat auch die Burg öfter als Zufluchtsort gedient. Zunächst während der Pestepedemie 1518/1519, danach während der Zeit der Bauernaufstände und wieder während des Schmalkaldischen Krieges. In dieser Zeit waren auch die Grafen von Helfenstein, die Truchsessen von Waldburg, die Landkomturei Altshausen, das Stift Beuron zeitweilige Nutznießer der Burg und begaben sich in deren Schutz. Nachdem mit Wilhelm von Zimmern 1594 das Geschlecht im Mannesstamme ausstarb, gelangt die Burg an die Grafen von Helfenstein Gundelfingen. Und als 1627 auch hier der letzte Graf Georg Wilhelm verstarb und seine Gemahlin Johanna Eleonora Graf Wratislaus von Fürstenberg heiratete, taucht dieses Geschlecht als Eigentümer auf, bis schließlich 1971 die Burg an das Jugendherbergswerk Schwaben verkauft wird.

Über Jahrhunderte hat die Burg als Zufluchtsort und wehrhafte Verteidigungsanlage der näheren und weiteren Umgebung gedient. Nicht viele kriegerische Auseinandersetzungen sind um die Burg verzeichnet. Durch List, so berichtet die Chronik, wurde im August 1642 von Hohentwieler Truppen kurzfristig die Burg besetzt.

Anfang des 18. Jahrhunderts verliert die Burg ihre strategische und Zuflucht gewährende Funktion. Mit dafür ausschlaggebend sind vor allem die Verbesserungen der Feuerwaffen. Für das Fürstentum Fürstenberg wird Wildenstein 1744 Staatsgefängnis und ist vor allem Waffenarsenal. Aber auch das ändert sich, als zu den Empfangsfeierlichkeiten für Marie Antoinette in Donaueschingen sämtliche Geschütze mit Munition von der Burg nach Donaueschingen abtransportiert werden und nie mehr zurückkommen.

Immer wieder bestand Gefahr, daß die Burg wegen Baufälligkeit und nicht mehr sinnfälliger Verwendung geschleift werden sollte. Aber die Eigentümer fanden immer wieder Lösungen,  zumindest notdürftige Instandsetzungen vorzunehmen. 1867 wurde durch Baurat Weinbrenner die Kapelle renoviert. Aus dieser Zeit dürfte auch die umfangreiche Bauaufnahme dieses bekannten Baumeisters stammen. Zahlreiche Zeichnungen befinden sich im Archiv in Donaueschingen.

Bereits 1922 wird in der Vorburg eine Jugendherberge eingerichtet. Lange Zeit war die Burg Wohnung für die zuständigen Jagdaufseher und die Betreuer der fürstlichen Waldungen. In diese Zeit fällt auch die Burggaststätte, die noch manchem Besucher in guter Erinnerung ist. Am Ende des 2. Weltkrieges war eine Fakultät der Universität Freiburg, an der zu jener Zeit der Meßkircher Philosoph Martin Heidegger tätig war, auf die Burg ausgelagert. Nach dem Erwerb durch das Jugendherbergswerk, Landesverband Schwaben,  begann eine umfangreiche und kostenträchtige Renovierung und Instandsetzung an dem altehrwürdigen Gemäuer.

Die Inbetriebnahme der heutigen Jugendherberge mit 150 Betten und jährlich etwa 25 000 Übernachtungen konnte 1974 erfolgen. 1977 war mit der 900-Jahrfeier ein weiterer Meilenstein zu verzeichnen und in den folgenden Jahren konnte schließlich die umfangreiche Renovierung abgeschlossen werden. Eine äußerst wechselvolle Geschichte hat diese besterhaltene spätmittelalterliche Burg unserer Region zu verzeichnen. Mancher frühere Besucher bedauert, daß die Zugänglichkeit heute auf Grund der Jugendherbergsnutzung eingeschränkt ist. Dazu sind aus meiner Sicht zwei Dinge zu bemerken:

  1. Mit der Jugendherberge ist eine äußerst sinnvolle Nutzung gefunden
    und die Zugänglichkeit für eine breite Bevölkerungsschicht ist gewährleistet.
    In den Burghof und die Burgschenke, die ein bescheidenes Verköstigungsangebot für den Wanderer bietetkann Jedermann gelangen.,
    Darüber hinaus sind in Absprache mit der Burgverwaltung von Zeit zu Zeit besondere Veranstaltungen möglich.
    In Verbindung mit dem "Wildensteiner Jahrmarkt" im Dorf Leibertingen, jeweils am 3. Sonntag im September,
    finden interessierte Besucher Gelegenheit, eine Burgführung zu erhalten.
  2. Wer einmal Gelegenheit hatte, auf der Burg zu erleben wie Jugendliche oft aus weit entfernten Landesteilen,
    ja sogar aus dem Ausland sich hier begegnen, wie der "Wildensteiner Singkreis" in mehreren Wochen im Sommer
    die Burg mit Leben erfüllt, wie hier gesungen, gespielt, getanzt wird, wie aus jeder Schießscharte
    unterschiedlichste Töne dringen, der wird mir beipflichten, daß die Burg wirklich "Karriere" gemacht hat
    und ihren Höhepunkt erlebt. Jedenfalls ist dies eine weit sinnfälligere Nutzung,
    als ihre abschreckende Funktion im Mittelalter.

Vor diesem Hintergrund mag die Öffentlichkeit auch die eine oder andere Einschränkung akzeptieren können.

Auf eine Beschreibung des Bauwerkes möchte ich an dieser Stelle verzichten. Dazu gehört der Augenschein, oder doch zumindest eine umfangreiche Bebilderung. Vor allem würde bei einer solchen Beschreibung auch wieder die kriegerische Seite und die Verteidigungsfunktion nach vorne gekehrt werden müssen. Einige wenige Bemerkungen zur Burgkapelle seien jedoch erlaubt.

In den östlichen Wehrgang eingebunden ist dieses bemerkenswerte kleine Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert, mit einem Netzrippengewölbe nach oben abgeschlossen, ein Kleinod der Burg. Eine äußerst gelungene Kopie des "Wildensteiner Altars" vom Meister von Meßkirch ist der Mittelpunkt in dem kleinen Gotteshaus. Der dreiteilige Flügelaltar zeigt auf dem linken Seitenflügel Gottfried Graf von Zimmern und auf dem rechten Seitenflügel seine Ehefrau Apollonia von Henneberg.

Im Mittelteil befindet sich Maria mit dem Jesuskind, umgeben von 14 Heiligen. Es handelt sich nicht um die 14 Nothelfer, vielmehr sind es Hausheilige. Wir befinden uns in einer Zeit, da die Menschen noch eine sehr enge Beziehung zu ihrem Namenspatron hatten und sich auch gerne damit identifizierten. Der im Reigen befindliche hl. Georg hat so die Gestalt des Stifters und der hl. Sebastian soll die Gesichtszüge des Grafen Froben von Zimmern tragen. Das Original dieses Altars befindet sich in den fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen. Unter dem Altarstein ist der Fluchtgang verborgen, der nach alten Überlieferungen in Richtung Donau oder bis zur Donau durch einen in den Fels getriebenen Gang geführt haben soll.

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Quellennachweis

Neben der Zimmerschen Chronik und dem Vortrag von Professor Karl Siegfried Bader aus Anlaß der 900-Jahrfeier, war der Burgenführer Schwäbische Alb, Band 3, von Günter Schmidt wesentlicher Qellennachweis für den vorstehenden Aufsatz.


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